Langeweile in Zeiten von *pling*

August 2019

Neulich hörte ich mich die fast schon philosophischen Worte sagen: «Mittlerweile wünscht man sich einfach mal wieder Zeit und Raum, um sich zu langweilen.» Mein 6-jähriges Ich hätte mir wohl den Vogel gezeigt. Und mein jetziges Ich auch.

Seit x Jahren empfinde ich mich auf dem Sprung. Geht da ein Projekt zu Ende, fängt dort das nächste schon wieder an. Und nicht zu vergessen das Evergreen-Projekt «Me, myself and I». Oder auch als «Selbstoptimierung» bekannt. Oder in meinem Fall eher so: Sich nach einem beschissenen Tag der Frust-Fressattacke hingeben und danach reuevoll einen Masterplan zu konzipieren, der Sport, Selbstliebe und überlegte Nahrungsaufnahme beinhaltet und nur so darauf wartet nach 2 Tagen wieder vergessen (oder eher: verdrängt) zu werden. Ach ja, und das während der Prüfungsphase vernachlässigte WG-Putzämtli sollte auch mal noch erledigt werden. Bestenfalls noch vor dem Bachelor-Abschluss.

Anyway. Ich wünsche mir die Langeweile zurück. Das, was man als Kind immer so gehasst hat. Doch die damals so nervigen Worte der Mutter machen ja schon irgendwie Sinn. Langeweile kurbelt die Kreativität an und man kommt auf Ideen, die man sonst nie gehabt hätte. Oder wie sonst sind die meisten von uns als Kind einmal auf die grandiose Idee gekommen, sich selber die Haare zu schneiden?

Nach diesen Semesterferien aber, bin ich zum Entschluss gekommen: Meine rosige Vorstellung von Langeweile ist eben doch nicht so kreativ und innovativ wie erhofft.

Keine wirklichen Verpflichtungen hatte ich, jedoch viele Ideen herumschwirren und eben diese Dinge, die ich doch unbedingt mal tun wollte, wenn mir dann endlich mal wieder langweilig sein wird. Fehlanzeige. Das einzige, was ich tat, wenn mal diese erhoffte Langeweile-Flut auf mich zurollte: Blick aufs Smartphone. Keine Nachrichten. Keine To Do's. Nice, nichts um das sich gekümmert werden muss – perfekt für Digital-Detox! Doch noch ein Blick aufs Smartphone – sucht mich wirklich niemand? Bildschirm entsperrt. Ja, wirklich. Keine Meldungen. Ganz automatisch, wenn man das Teil ja schon in den Fingern hält – das Tippen auf Instagram. Huch, wie bin ich denn da wieder gelandet? Trololo. Spannend, was die anderen alles so unternehmen. Und so verbringe ich meine Zeit der Langeweile mit dem Smartphone.

Gibt es in der heutigen Zeit mit Smartphone-immer-und-überall überhaupt noch so etwas wie Langeweile? Wie sieht das bei der Generation Kindern aus, die mit Smartphone, iPad und Eltern, die Siri bezüglich Tipps gegen Langeweile konsultieren, aufwachsen?

Kurz bevor ich ins Sinnieren kommen und diesem Gedanken nachgehen könnte – so wie das die alten Philosophen auf ihren Gedankenspaziergängen immer gemacht hatten – *pling* klingelt mein Smartphone. Oh, da sucht mich ja doch jemand!

Falls sich mal so eine Langeweile-Flut anbahnt: Das Handy einfach ausser Arm-Reichweite lassen (aufzustehen sind wir dann ja doch meistens zu faul). Und mal wieder ganz analog in einem Magazin blättern. Die beste Auswahl findet sich bei Print Matters! in Zürich. Oder sich zur Abwechslung etwas Interessantes über die Ohren zu Gemüte führen. Sehr empfehlenswert ist die Podcast-Serie Unter Pfarrerstöchtern von der ZEIT. Die beiden Pfarrerstöchter erklären die Bibel zeitgemäss und regen vielleicht ja mal wieder zum Philosophieren an.