Die hitzigen drei Quadratmeter

April 2020

Wir schreiben mittlerweile Tag 34 des Corona-Lockdowns. Also einer dieser Tage, an denen ...

  • das obligate Bananenbrot bereits gebacken ist (und wie es sich gehört auch auf
    Instagram verewigt)

  • wir den Sonntags-Zopf im Schlaf flechten könnten (was zugegebenermassen einige YouTube-Tutorials Training benötigt hat)

  • der oben Genannte auch nicht mehr nur am Sonntag gegessen wird, weil Brunchen dank Homeoffice ja auch unter der Woche möglich ist

  • die Computer-Tastatur – wegen eben diesem Brunchen – bald mehr Krümelresten als Buchstaben beherbergt

  • und: das Kochen mit Freund*in nicht mehr unbedingt Quality Time bedeutet, sondern die zufälligen Berührungen in der kleinen Küche – vor einigen Wochen noch ganz romantisch – nur noch mit gereizten Worten kommentiert werden, dass es zu zweit eben doch sehr eng sei

An diesem Punkt stehe ich gerade – zeitlich und örtlich. In der Küche. Ein Ort gemischter Gefühle. Einerseits Stätte kleiner kulinarischer Freuden, die trotz Corona-Quarantäne Abwechslung und Neuentdeckungen auf kleinstem Raum ermöglichen. Aber eben auch Schauplatz für die wohl hitzigsten Auseinandersetzungen mit meinem Freund.

Es muss am Kochen liegen, denn wir streiten uns normalerweise nicht über Belanglosigkeiten. Zugegeben: In Corona-Zeiten werden Diskussionen bei einem Gin Tonic vielleicht etwas streitlustiger als sonst geführt – aber verständlich, hocken wir schliesslich 24/7 auf den selben 50 Quadratmetern. Begeben wir uns aber auf die drei Quadratmeter der Küche, prallen uns unsere Gegensätzlichkeiten (vorher scheinbar nicht existent) nur so um die Ohren. Daraus ergibt sich aber leider kein unschlagbares Duo wie der Käse mit der Konfi auf dem Brot, sondern die Stimmung in der Küche verhält sich ungefähr so wie das Anbraten in heissem Fett: Explosiv, zickig, es kann auch mal ein bisschen weh tun.

Ein Schäleli gesalzener Erdnüsse zwischen uns – kann bei gereizter Stimmung Wunder wirken – beginne ich zu schnipseln und mein Freund nimmt seinen Reiskocher in Betrieb. Betonung auf «seinen» Reiskocher. Denn frau fragt sich: Wieso in besagte Gerätschaft investieren, wenn es auch mit einem stinknormalen Topf funktionieren würde? Oder die Zitrone auch von Hand gepresst werden könnte, wie ich letztens in der MIGROS-Küchenabteilung bemerkte, wo wir mittlerweile fast wöchentlich eine neue Errungenschaft – wie eben eine Zitronenpresse – tätigen. Eine wirklich plausible Antwort erhalte ich nicht ... aber anyway: Der Reis (gut eignet sich Carolina) ist aufgesetzt und Mann glücklich, sein Gadget einsetzen zu können.

Während ich die Karotten schäle und klein schneide, wirft mein Freund mein dabei produziertes und mittlerweile überall in der Küche verstreutes Häufchen Schale bewusst demonstrativ in einen leeren Teller. Ein weiteres Phänomen: Der kurzzeitige Rollentausch, den wir in der Küche vollführen. Entwickelt mein Freund beim Kochen plötzlich Gefallen an Ordnung (inklusive Mise en place und bereitgestelltem Teller für die Abfälle), mutiere ich eher zu einem hoffnungslosen Chaoten und die Küche folglich zu meinem persönlichen Schlachtfeld. Wie um das Chaos wenigstens noch ein bisschen einzudämmen, widmet sich mein Freund der Verarbeitung der Frühlingszwiebeln – übrigens einer der wenigen Kompromisse, den wir in der Küche schliessen konnten! (Während ich nämlich aufgrund unliebsamer Körperausdünstungen lieber auf Knoblauch, Zwiebeln und Co. verzichte, beharrt mein Freund – zugegebenermassen berechtigt – auf die gesunden Geschmacksverstärker.)

Und so landet unser Kompromiss kleingeschnitten zusammen mit den Karotten (vorher über kochendem Wasser bereits angedünstet), Mais und tiefgekühlten, angetauten Erbsen in einer mit Kokosöl aufgewärmten Bratpfanne. Währenddessen etwas nervös, weil sein Reiskocher noch immer kein Zeichen von sich gegeben hat, inspiziert mein Freund den garenden Reis – mich dabei scheinbar nicht bemerkend gegen die offene Schranktür schubsend. Mein Griff in die bereitgestellten Erdnüsse.

Nachdem das Gemüse verarbeitet ist und mein Chaos-Stiften damit quasi vollendet, stehe ich etwas unnütz auf meiner Hälfte (1,5 Quadratmeter) der Küche. Normalerweise würde ich jetzt einen kurzen Blick aufs Rezept werfen – das ich zugegeben gerne akribisch abarbeite. (Aus einem Grund wurden diese Dinger ja geschrieben.) Doch hat mein Freund das Koch-Zepter in der Hand dann wird eher so nach Geschmack, Lust und dem, was sich im Kühlschrank gerade finden lässt, gekocht. Und so stehe ich jetzt etwas verloren da – woher soll ich denn wissen, worauf er gerade Lust hat?

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Mittlerweile ist der Reis fertig und landet in der Pfanne mit dem brutzelnden Gemüse. Mit zufriedenem Lächeln – ein Hoch auf den Reiskocher – verquirlt mein Freund zwei frische Eier zusammen mit einem Gutsch Sojasauce (sein Tipp für gelungenes Rührei). Bereits schon mit dem Kochlöffel in der Hand und bereit, das Koch-Zepter wieder an mich zu reissen, beginne ich das gerade hinzugekommene Rührei unter die Gemüse-Reis-Masse zu mischen und ich werde langsam wieder zu dem Ich, das ich auch auf den restlichen 50 Quadratmeter der Wohnung bin: Ich lasse selten etwas anbrennen. Was bei einem Fried Rice aber eher kontraproduktiv ist, wie mein Freund daneben zurecht bemerkt. Nach einigen Minuten rührbraten (beachte: mehr braten als rühren) nach Geschmack würzen. Wo ich jetzt am liebsten zum Aromat greifen würde, packt Monsieur die Kräuter und Gewürze aus und würzt den Fried Rice mit ein bisschen frisch geschnittenem Schnittlauch, Chili-Meersalz und Pfeffer.

Mein Griff in die Erdnüsse. Damit den Fried Rice in den Tellern garnieren.

Die wohl beste Küchen-Anschaffung waren übrigens neue Gin-Gläser. Am besten gefüllt mit dem Tschin Gin von Käsers Schloss aus dem Aargauischen Fricktal. Für feine Neuentdeckungen sorgten Nicole Gigers Rezepte aus ihrem Buch «Ferrante, Frisch & Fenchelkraut». Darin kocht sie sich durch die Weltliteratur und lässt einen – so wie das gute Literatur eben tut – den Alltag für einige Stunden vergessen. Das perfekte Duo auf dem Teller haben wir übrigens auch noch gefunden: Selbstgemachter Zopf (mit diesem Flecht-Tutorial klappts bestimmt) mit Käse nach Wahl und dieser selbstgemachten Rhabarber-Konfi!